(Diese Geschichte reichte ich  zum Wettbewerb ‚Nacht der schlechten Texte‘ ein und kam damit ins Finale. Das heißt, unter die ersten acht von allen Einreichungen. Es machte mir Spaß, meinen Text vorzutragen und ich kam auch gut an. Zu einem Preis reichte es nicht.)  

Sechs Sachbearbeiter vom Arbeitsamt trafen sich nach Feierabend  im Hallenbad zu einem Wettschwimmen. Da gab es aber nur vier Sprungblöcke zum ins Wasser springen. Da machten halt nur die vier Besten mit. Zwei schauten zu. Der eine davon dachte an seine Mutter.  Einer von den vieren, die ins Wasser gesprungen sind, war der Allerbeste von den vier Besten, die ins Wasser springen durften, und gewann mit weitem Vorsprung. Er wollte es noch einmal beweisen. Dass er eben der Beste war. Deshalb schwammen die vier besten Sachbearbeiter noch einmal um die Wette. Also die, die am besten schwimmen konnten.  Im Sachenbearbeiten waren die vier Sachbearbeiter alle gleich gut. Eher gleich schlecht. Wieder gewann der, der schon einmal gewonnen hatte. Die zwei Sachbearbeiter, die zuguckten, weil sie nicht so gut schwimmen konnten, waren im Sachenbearbeiten auch nicht schlechter als die, die besser schwimmen konnten.  Jedenfalls freuten sich die zwei schlechteren Schwimmer auch mit dem Schwimmgewinner.  Alle sechs Sachbearbeiter hatten Spaß  im Hallenbad. So viel Spaß hatten sie schon lange nicht mehr zusammen.

 

Neben dem Hallenbad war ein Kaufhaus. Da ging eine Frau hinein, weil sie sich eine Hose kaufen wollte.

„Ich brauche eine neue Hose“, sagte sie zu einer Verkäuferin.

Diejenige Verkäuferin sagte dann: „Da drüben sind die Hosen.“ Dabei zeigte sie in eine Richtung.

Die Hosen hingen an Drehständern. Die Frau, die eine Hose kaufen wollte, drehte an einen Drehständer. Schon fand sie eine Hose, die ihr gefiel. Als sie sie heraus genommen hatte, gefiel sie ihr nicht mehr. Sie hing die Hose über den Hosenständer, damit sie sie gleich wieder finden konnte. Dann ging sie zu der Verkäuferin, die ihr vorher erklärt hatte, wo die Hosen sind.

„Kommen Sie mal mit, ich will Ihnen was zeigen“, sagte sie zu der Verkäuferin.

Das machte die Verkäuferin. Die Frau zeigte ihr die Hose und sagte: „Die Hose ist zerschnitten.“

Die Verkäuferin fragte: „Was wollen Sie damit sagen?“

„Die Hose ist zerschnitten, eben“, sagte die Frau noch einmal.

„Ja und?“ fragte die Verkäuferin.

Die Frau sagte: „Die kann man doch so nicht verkaufen.“

Die Verkäuferin fragte: „Soll ich die jetzt heraus nehmen?“

Die Frau erklärte noch einmal, warum die Verkäuferin die Hose heraus nehmen sollte: „Die kann man doch so nicht verkaufen.“

„Haben Sie die zerschnitten?“ fragte dann die Verkäuferin.

Die Frau erklärte: „Ich kaufe doch keine zerschnittene Hose. Ich will eine ganze.“

„Das habe ich nicht gefragt“, sagte die Verkäuferin.

Jetzt antwortete die Frau: „Warum denn, wenn ich eine ganze will.“

„Es sind ja noch ganz viele ganze da. Sie können eine davon nehmen“, sagte die Verkäuferin.

„Die ganzen sind aber alle ganz anders. Ich wollte die da. Aber zerschnitten nehme ich die nicht.“

„Soll ich die jetzt flicken?“ fragte die Verkäuferin.

„Nein, herausnehmen! Die kann man doch auch geflickt nicht verkaufen.“

Die Verkäuferin tat es. Endlich.

 

Die Frau, die eigentlich eine Hose kaufen wollte, kaufte keine, weil ihr keine andere gefiel. Die verschnittene hätte ihr schon gefallen und sie hätte sie gekauft, wenn sie nicht zerschnitten gewesen wäre. Diese Hose hatte so einen Pariser Chic, fand sie. Aber nicht zerschnitten. Deshalb hätte sie sie gerne in ein paar Tagen mit nach Paris genommen. Aber nicht zerschnitten. Sie hatte Liebeskummer. Der Mann, in den verliebt war, war nämlich verstorben. Nach Paris wollte sie, um sich dort abzulenken und einen anderen Mann zu finden, der erreichbarer war. Aber das in einer zerschnittenen Hose zu probieren, sah sie zum Scheitern verurteilt.

 

Die Verkäuferin, die die zerschnittene Hose heraus genommen hatte, sagte zu dem Filialleiter, als dieser in ihre Nähe kam: „Ich habe die Hose heraus genommen, weil sie zerschnitten ist.“

Der Filialleiter schaute sich die Hose an und fragte: „Warum haben Sie sie deshalb heraus genommen?“

„Weil man die so nicht verkaufen kann“, antwortete die Verkäuferin.

Der Filialleiter antwortete auf diese Antwort: „Wenn sie am Ständer hängt doch auch nicht.“

Die Verkäuferin sagte: „Das habe ich auch gedacht. Aber eine Kundin hat gemeint, ich soll sie deshalb heraus nehmen. Soll ich die Hose jetzt wieder an den Ständer hängen? Die Kundin ist weg.“

„Das habe ich doch gesagt“, sagte der Filialleiter.

So wurde die zerschnittene Hose wieder an den Ständer gehängt.

 

Später an diesem Tag griff eine andere Frau zu dieser Hose, probierte sie an und behielte sie gleich an. Sie sagte zu einer Verkäuferin: „So zerschnitten ist die Hose besonders schön.“

Es war die Verkäuferin, die von der Frau, die nach Paris fahren wollte, gebeten wurde, die Hose heraus zu nehmen, weil man sie zerschnitten nicht verkaufen kann. Sie wusste nicht, ob diese Kundin gerade scherzhaft die gleiche Bitte an sie richtet.

„So! Finden Sie?“ sagte sie. Das konnte wohl nicht falsch sein.

Die Kundin fragte: „Warum ist die denn zerschnitten?“

Die Verkäuferin fragte zurück: „Meinen Sie etwa, wir machen das hier?“

Die Kundin sagte: „Ich weiß nicht, ob das alles der Hersteller macht oder im Laden auch was dran gemacht wird. Aber so ist sie doch richtig gemacht. Ich nehme sie.“

 

Die Verkäuferin im Kaufhaus am Hallenbad sagte kurz vor Feierabend zu dem Filialleiter: „Ich habe doch die zerschnittene Hose verkauft.“

Der Filialleiter meinte: „Da hat wohl jemand die Löcher darin nicht gesehen.“

„Doch“, sagte die Verkäuferin. „Die Kunden, die das zerschnitten haben, haben das zwar mutwillig gemacht. Aber die Kundin, die die Hose genommen hat, hat gedacht, das ist so produziert worden.“

Der Filialleiter lachte und die Verkäuferin lachte auch.

Sie lachten sich an.

„Sie haben schöne blaue Augen“, sagte der Filialleiter zur Verkäuferin.

„Grün“, korrigierte die Verkäuferin.

„Aber schön“, sagte der Filialleiter. „Ich habe Hunger.“

Ich habe mich verliebt, verstand die Verkäuferin richtig.

„Ich auch“, sagte die Verkäuferin.

„Dann gehen wir doch etwas essen“, schlug der Filialleiter vor.

Und sie gingen in das Hallenbad. In der Nähe gab es nämlich kein Restaurant und sie hatten Hunger und im Foyer des Hallenbads war ein Imbiss. Dort aßen sie ein paar Portionen Pommes hintereinander, weil sie Hunger hatten. Und sie scherzten und lachten. Als sie sich verabschiedeten, sagte die Verkäuferin zum Filialleiter: „Ich habe in meinem ganzen Leben nie so gute Pommes gegessen.“